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Nicht alles, was du denkst, ist wahr

11. Sept.
3 Min. Lesezeit

Ein kleines Experiment über Gedanken und Glaubenssätze

Bitte vervollständige ganz spontan diesen Satz:

„Morgenstund hat Gold im …“

Vermutlich ist dir sofort das Wort „Mund“ eingefallen. Du musstest nicht lange überlegen und hast dich auch nicht bewusst dafür entschieden. Der Gedanke war einfach da.

Versuchen wir es noch einmal. Dieses Mal darfst du auf keinen Fall an das Wort „Mund“ denken:

„Morgenstund hat Gold im …“

Und? Welches Wort war plötzlich wieder in deinem Kopf?

Gedanken lassen sich nicht einfach abstellen

Dieses kleine Experiment zeigt etwas sehr Menschliches: Viele unserer Gedanken entstehen automatisch. Unser Verstand ergänzt bekannte Sätze, erkennt Muster und greift auf Erfahrungen zurück, die wir irgendwann einmal gemacht haben.

Das geschieht oft, bevor wir überhaupt bemerken, was gerade in uns abläuft.

Genau so können auch alte Glaubenssätze auftauchen:

  • „Ich bin nicht gut genug.“

  • „Ich darf keine Fehler machen.“

  • „Ich muss es allen recht machen.“

  • „Ich schaffe das sowieso nicht.“

  • „Erst wenn die Angst weg ist, kann ich anfangen.“

Dass diese Gedanken auftauchen, bedeutet jedoch nicht, dass sie wahr sind. Es bedeutet zunächst nur, dass unser Verstand sie irgendwann gelernt und oft genug wiederholt hat.

Wenn Lutz das Denken übernimmt

Lutz steht für den ängstlichen und kontrollierenden Anteil in uns. Er möchte uns vor Fehlern, Ablehnung und Enttäuschungen schützen. Deshalb präsentiert er seine Gedanken besonders überzeugend:

„Das wird bestimmt schiefgehen.“

„Du bist noch nicht bereit.“

„Mach lieber nichts, dann kann auch nichts passieren.“

Je stärker wir versuchen, diese Gedanken loszuwerden, desto hartnäckiger scheinen sie manchmal zu werden. Lutz strengt sich an, drückt und schiebt – doch der Gedanke kommt wie ein kleiner Bumerang zurück.

Mo verkörpert den gelasseneren und lösungsorientierten Anteil in uns. Er muss Lutz nicht beweisen, dass dessen Gedanken falsch sind. Er kann sie wahrnehmen und trotzdem fragen:

„Was möchte ich tun, auch wenn dieser Gedanke gerade da ist?“

Lutz und Mo sind keine getrennten Menschen. Beide stehen für innere Möglichkeiten, die wir alle kennen. Manchmal folgen wir automatisch Lutz. Manchmal gelingt es uns, etwas mehr Abstand zu gewinnen und Mo zuzuhören.

Ein Gedanke ist noch keine Wahrheit

Stell dir vor, dir fällt vor einem wichtigen Gespräch der Satz ein:

„Ich kann so etwas einfach nicht.“

Musst du diesen Gedanken zuerst vollständig loswerden, bevor du das Gespräch führen kannst?

Nein.

Du darfst nervös sein. Du darfst zweifeln. Du darfst sogar denken, dass du es nicht kannst – und trotzdem den ersten Satz aussprechen.

Das ist ein wichtiger Gedanke aus der ACT:

Du musst nicht erst anders denken, um anders handeln zu können.

Es geht nicht darum, alle belastenden Gedanken durch positive Gedanken zu ersetzen. Es geht darum, zu erkennen, dass ein Gedanke keine Anweisung ist.

Du kannst ihn hören, ohne ihm folgen zu müssen.

Ein kleiner Abstand zum Glaubenssatz

Wenn ein alter Glaubenssatz auftaucht, probiere Folgendes:

Statt zu sagen:

„Ich bin nicht gut genug.“

sage:

„Ich habe gerade den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin.“

Oder, mit einem kleinen Augenzwinkern:

„Ah, Lutz erzählt mir gerade wieder die Geschichte vom Nicht-gut-genug-Sein.“

Spüre kurz nach, was sich verändert.

Der Gedanke ist vielleicht noch da. Aber er steht nicht mehr als unumstößliche Wahrheit im Raum. Du kannst ihn anschauen, statt vollständig in ihm zu verschwinden.

In der ACT nennt man diesen Abstand Defusion. Wir lösen uns nicht unbedingt von dem Gedanken selbst, sondern von seiner Macht über unser Handeln.

Dein kleines Experiment für den Alltag

Beobachte in den nächsten Tagen einen Glaubenssatz, der immer wieder auftaucht.

Wenn du ihn bemerkst:

  1. Halte einen Moment inne.

  2. Benenne ihn: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass …“

  3. Stell dir vor, Lutz hätte dir diesen Satz auf einen Zettel geschrieben.

  4. Frage dich: „Muss ich danach handeln?“

  5. Entscheide dich für einen kleinen Schritt, der zu dir und deinen Werten passt.

Vielleicht geht der Gedanke mit dir mit. Das darf er.

Mo wartet nicht darauf, dass Lutz endlich still ist. Er beginnt zu handeln, obwohl Lutz noch im Hintergrund spricht.

Zum Nachspüren

  • Welcher Glaubenssatz taucht bei dir besonders häufig auf?

  • Was verändert sich, wenn du ihn als Gedanken und nicht als Wahrheit betrachtest?

  • Welchen kleinen Schritt möchtest du trotzdem gehen?

Du bist nicht dafür verantwortlich, jeden Gedanken zu verhindern. Aber du kannst immer wieder entscheiden, wie viel Raum du ihm gibst – und ob er die Richtung deines Lebens bestimmen darf.

Inspiriert durch die ACT-Übung „Hellseherei: Kleines Experiment über das Denken“ aus Wengenroth: Therapie-Tools Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), Beltz, 2025, S. 145.

 
 
 

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